Nur mal laut gedacht

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Kolumne
laut gedacht

Karneval

Nur mal laut gedacht...

Am Veilchendienstag um Mitternacht wird der Nubbel verbrannt.
So will es die Tradition.
Aber seit einigen Jahren werde ich das Gefühl nicht los, dass wir irgendwann einen weiteren teuren Verblichenen betrauern müssen – den Karneval selbst! Der liegt nämlich nach meinem Erleben schon jetzt in den letzten Zügen, womit ich das traurige Dasein meine, das er hier in unserem „Kwartje Lateng“ fristet. Schon jetzt ist er nur noch ein Schatten seiner selbst, der Ärmste, weil von ihm kaum noch jemand wirklich etwas weiß oder ihn gar auf Tuchfühlung kennen gelernt hat. Und wie unendlich schade das ist, das wissen nur noch wir älteren Semester.

Einen Vorwurf kann man hier eigentlich niemandem machen. Nicht den jungen Leuten, die wegen ihrer späten Geburt (einer Gnade, wie schon mal ein prominenter deutscher Politiker von nicht unbedingt filigranem Körperbau meinte...), also dass die nie in den Genuss wirklich kölschen Karnevalstreibens in Kneipen und auf der Strasse gekommen sind. Und auch die alten Kölner sind nicht schuld, die den Naturgesetzen folgend irgendwann als Vorbilder und Lehrmeister nicht mehr zur Verfügung stehen, weil auch sie - zum Thema passend - verblichen sind.

Hier wäre unter anderem oder vor allem die (ehemalige) Traditionsgaststätte KLEINMANN zu nennen. Noch vor Jahren war es einer der karnevalistischen Höhepunkte, sich gegen 23.30 Uhr vor dem Lokal zu versammeln, dem „Nubbel“ beizustehen, wenn er von seinem Haken in luftiger Höhe abgenommen und auf die Bahre verfrachtet wurde, und dann ging es in einem nicht-enden-wollenden Trauerzug durchs Viertel mit Fackeln und Klageliedern und der Tempo-Box, die wie ein Wanderpokal durch die Reihen der Trauergemeinde weiter gereicht wurde. Wieder vor dem Kleinmann angelangt, gab es Musik und die Trauerrede eines „Geistlichen“, der die ganze Szenerie mit der wassertriefenden Klobürste segnete, ehe unter allgemeinem Geheule und Wehklagen der Nubbel in Flammen aufging. Das alles ging einem so nahe und erzeugte so ein Wir-Gefühl, dass man danach in die umliegenden Kneipen einfiel, um sich bei dem einen oder anderem Kölsch gegenseitig Mut bis zur nächsten Session zuzusprechen. War das immer schön!

Und nun ist auch noch der letzte Dinosauer verblichen, die gute Oma Kleinmann, über ein halbes Jahrhundert lang die Verkörperung des echt kölschen Brauchtums in unserem Viertel....

Also: wer Karneval nie mit echten Kölnern erleben durfte, der weiß auch nichts von der kölschen Seele, die untrennbar mit dem Karneval verbunden ist.

Schon ewig kämpfe ich gegen das Vorurteil an, das bei Zugereisten weit verbreitet ist, nämlich dass man nicht auf Kommando (Datum im Kalender) fröhlich sein kann/ möchte, weil das einfach abartig sei.

Diese Theoretiker haben es nur noch nie miterlebt, wenn Musik von den Bläck Fööss ertönt, notfalls im brüllheißen August, oder wenn bei einer Supermarkt- oder Möbelhauseröffnung eine kölsche Band Lieder von Willi Ostermann spielt („Wer ist das jetzt wieder...?“). Da braucht es keinen offiziellen Startschuss, da wird gerockt und geschunkelt und mitgesungen bis der Arzt kommt. Jeder mit jedem, man muss sich nicht unbedingt kennen. Und alles ohne Zwang oder künstliche Fröhlichkeit! DAS ist fest in der kölschen Seele verankert; allein die Musik ist ein Schlüsselreiz, auf den jeder spontan reagiert, der sich Köln verbunden fühlt (vom Köln-Virus infizierte Imis inbegriffen).

Und nun komme ich wieder auf unseren sterbenskranken Karneval zurück, der im Viertel in erster Linie von Menschen gefeiert wird, die a) sehr jung sind, b) zum Studieren von "auswärts" kommen und c) auf dieser völlig anonymen Zülpicher oder Kyffhäuser Straße ausgehen müssen, auf der es nur noch moderne Bistros und Kioske gibt, so dass sie alt eingesessene "Kölsche" und deren besondere Lebensart gar nicht mehr kennen, eine langsam aussterbende Kultur, was ein echter Jammer ist!

So kommt es, dass Karneval schon lange das Synonym für Party im allerweitesten Sinn geworden ist. Es könnte wer-weiß-was für ein Straßenfest egal wo auf diesem Planeten sein, der einzige Unterschied ist, dass man sich kostümiert, weil man erfahren hat, dass das in Köln wohl so sein muss. Und wohin die Entwicklung führt, sieht man jedes Jahr mehr.

Sogar ich war mal jung, und ich habe Karneval gefeiert, dass nicht nur die Balken sich bogen, sondern dass ich auch drei Tage lang unfähig war, ein verständliches Wort herauszubringen (wegen Bläck Fööss & Co.!).

Aber zum Beispiel reihenweise umgekippte Dixi-Klos, die zur Straßensperre werden, gab es keine, weil die Wirte uns noch unbesorgt auf Ihre Toiletten ließen. Und ein Flaschenverbot war auch nicht angesagt, denn damals gehörte es nicht zum Karneval, sich mit Glasscherben gegenseitig die Gesundheit zu ramponieren (von bedauerlichen Einzelfällen mal abgesehen).

Gerade merke ich, dass ich rede, als wenn ich schon 101 wäre...

Aber mir tut es einfach weh, wenn ich sehe, wie so ein wunderschöne, fröhliche Sache zum blanken Chaos-Event verkommt...

Wer meiner oder anderer Meinung ist, kann sich ja mit einem Kommentar im Gästebuch verewigen, wozu ich hiermit herzlich einlade!

Von
Isabell Donath
Vereinmitglied


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